
Die Axpo Super League hat ihre zweite Runde hinter sich – und es führt bereits der Favorit. Der Gang zum Orakel besagt, wer Meister wird. Rotweiss-Redaktor Michael Martin setzt die Brille auf.
Früher, als ich jung war und auf dem Weg, mir meine ersten Brötchen in der schreibenden Zunft zu verdienen, habe ich den sogenannt „szenischen Einstieg“ für schöne Geschichten kennengelernt. Die Idee ist, den Leser mit ein paar atmosphärischen Eindrücken für das zu begeistern, was auf den folgenden Zeilen erzählt werden soll. Die Kunst dieses Stilmittels ist es aber oft auch, den Leser am Einschlafen zu hindern, weil er vor lauter Szenen keine Fakten mehr erfährt. Dies als Vorwarnung, weil ausnahmsweise ein solch szenischer Einstieg folgt.
Stellen Sie sich also vor: einen stillen, dunklen Raum, einen Lichtstrahl, der von oben auf einen weisshaarigen Mann fällt, der hinter einer Glaskugel sitzt. Und in dieser Glaskugel schweben Schwaden von leuchtenden Gasen, die sich in der riesigen Brille des Mannes spiegeln, die unter einer komischen Frisur zum Vorschein kommt. Unheimlich, nicht?

Krake Paul & Co.: Orakel haben Hochkonjunktur
Dieser Mann ist unser Fussballorakel (nennen wir es einfach mal Gilbert). In seinem früheren Leben war Gilbert Fussballer und Trainer, heute ist er einen Schritt weiter. Denn heute ist er Experte und sich für fast nichts mehr zu schade. Aber als Orakel ist er natürlich für alle interessant, die sich selber für Experten halten und womöglich als glücklich wettende Menschen mit dem Fussball ein bisschen Geld verdienen wollen. Gilbert, das wissen wir aus der Werbung, steht in enger Verbindung mit der staatlichen Lotteriegesellschaft Swisslos, und so finden wir die Prophezeiungen unseres Orakels Woche für Woche in den Quoten des Wettanbieters.
Ich ging also zu ihm und fragte: „Grosser Gilbert, wer wird Schweizer Meister der Saison 2010/2011?“ Er hob die Hände, wischte sich eine Strähne aus der Stirn und schaute wie eine Mischung aus Merlin und Simon Ammann durch seine grosse Brille in die Glaskugel: „Fragen, Fragen, Fragen“, murmelte er, „und alle fragen mich. Der Salzgeber, Andy Egli, meine Frau, die Fans – immer mich. Aber gut. In meiner Kugel steht – Meister wird die AC Bellinzona.“ Ich hüstelte verlegen, wollte aber das Orakel nicht beleidigen. „Bist Du sicher, Grosser Glbert?“ „Du wagst es, an meiner Autorität zu zweifeln? 80 Prozent aller, die über Fussball schreiben, haben keine Ahnung von dieser Sportart. Willst Du zu ihnen gehören?“ „Nein“, sagte ich im Brustton der Überzeugung, den Unterschied zwischen Johann Vogel und einer Schwalbe zu kennen. Das Orakel schaute mich an: „Dann schau her: Bellinzona 250:1. Das ist die Wettquote meines Partners Sporttip. Die führen die Tabelle haushoch an.“
„Grosser Gilbert“, antwortete ich, „250:1 ist die schlechteste aller Quoten. Das heisst in etwa, dass von 250 Fussballfans einer, vermutlich der Präsident des Clubs, auf die Idee kommt zu sagen, Bellinzona werde vielleicht Meister.“ „Aha“, sagte das Orakel, „dann wird also auch Xamax nicht Meister, wenn hier 200:1 steht. Wäre ich noch immer Xamax-Trainer, wäre das ganz anders. Ich würde Heinz Hermann holen, Uli Stielike, Don Givens, Beat Sutter – und dann mit Ballbesitz im 3-4-3…“ „Grosser Gilbert“, sagte ich milde, „für wen kriege ich am wenigsten Geld, wenn ich wette?“ Wieder fuhr er sich durch das Haar und sagte „FC Basel. Immer dieser FC Basel – 1,40:1. Wenn das so ist, sehe ich nur wenig Raum für Spannung in diesem Jahr. Aber ich sehe auch in die Zukunft der Challenge League und die der französischen Liga. Was wollen Sie noch wissen?"
„Ist gut so“, sagte ich und verabschiedete mich höflich vom Orakel. Auf dem Weg zum Kiosk überlegte ich mir, ob ich wenigstens noch ein paar Franken auf YB (2,90:1) oder auf den FCZ (4,25:1) setzen sollte. Ich verzichtete darauf und setzte, weil ja auch die Banken das Geld kaum mehr verzinsen, mein Vermögen auf den FC Basel. Im kommenden Mai erhalte ich also für jeden gesetzten Franken einen Franken und 40 Rappen zurück (vor Steuern). Ich denke, auch der Mann von der Bank hat Verständnis dafür, dass in dieser Saison mein Geld bei Sporttip so sicher ist wie bei ihm. Schliesslich täuscht sich auch der Grosse Gilbert nie.